Gedanken aus dem Leipziger Umland

Der Zauberlehrling

besen_heller“…
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,

Nein, nicht länger
Kann ichs lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!

Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.
…”

Generationen von Schülern haben sich mit dem Auswendiglernen dieses schwer eingängigen Textes gequält, wobei ihnen offenbar die daraus zu ziehende, elementare Lehre entgangen ist:

Man muß wissen, was man tut.

Es bedarf keines Genies, um darauf zu kommen. Wer aber trotzdem gern Goethes Genie preist, hat nunmehr die Chance, noch viel mehr Genie in dieses Gedicht hinein zu interpretieren als bisher:
Die Prophezeiung des Internet mit all den Schwierigkeiten, denen wir uns heute ausgesetzt sehen.
Wie der Zauberlehrling, der nur Wasser zum Baden haben wollte, wollten auch wir nur ein wenig im Internet surfen und wußten genau so wenig wie er, wie das, was wir tun, funktioniert, so daß uns nicht klar war, wie einfach wir fortan kontrollierbar sein würden.
Wir wollten nur Emails verschicken, weil das so bequem ist, und haben uns nicht darum gekümmert, wie die zum Versand verpackt werden. Denn sonst hätten wir wenigstens geahnt, daß das früher oder später zum völligen Verschwinden des Post- und Fernmeldegeheimnis führen würde.
Wir wollten nur das bequeme Online-Banking nutzen, ohne uns darum zu kümmern, ob die verwendeten Verfahren tatsächlich so sicher sind, wie man es uns glauben gemacht hat. Mit dem nötigen Wissen wäre uns klar gewesen, daß nunmehr jeder Geheimdienst dieser Welt das Bankgeheimnis umgehen kann, ohne dafür in eine Bank einzubrechen.
Aus Naivität und Bequemlichkeit haben wir es zugelassen, daß auf unseren Computern dafür Software arbeitet, deren Funktionsweise ein strenges Geheimnis ist, und so zugelassen, daß wir bis in die letzte Ecke ausspionierbar und in Zukunft auch erpreßbar sind.
Und es hat schon angefangen: Die Sparkassen-DirektVersicherung z.B. bietet eine KfZ-Versicherung an, für die man ein Überwachungsgerät ins Auto einbauen muß, das den Fahrstil kontrolliert. Wer nach Meinung des Gerätes richtig fährt, erhält einen Bonus. Das läuft darauf hinaus, daß, wer nicht wie vorgeschrieben fährt, draufzahlt, doch der denkfaule Kunde wird in die sorgfältig aufgestellte Falle tappen. Und wir werden das mitmachen, weil es so schön billig ist, bis ohne ein solches Gerät keine KfZ-Versicherung mehr zu haben ist. “Freie Fahrt für freie Bürger !”
Und wir werden auch mitmachen, wenn die Krankenkasse einen billigeren Tarif dafür anbietet, daß unsere Lebensmitteleinkäufe von der Supermarktkasse sofort an deren Zentralcomputer gemeldet werden, damit sie uns die Beiträge erhöhen kann, wenn wir zu viele Zigaretten, zu viel Alkohol, zu viel Fettes oder Süßes und zu wenig Obst und Gemüse kaufen. Die intelligenten Stromzähler in der Wohnung werden es melden, wenn wir zu viel fernsehen und zu wenig schlafen.
Daß wir den Arzt von seiner Schweigepflicht entbinden müssen, ist schon jetzt bei einigen Versicherungen üblich. Wir haben ja nichts zu verbergen !
Und am Ende wird kein Meister erscheinen:
„In die Ecke, Besen! Besen!
Seids gewesen.”
Wir werden uns statt dessen nur mühsam und unter großen Opfern, wohl auch Todesopfern aus dieser Hölle befreien können, weil wir zu bequem waren, uns rechtzeitig dagegen zu stemmen.

S.M.

Was denkst du?