Gedanken aus dem Leipziger Umland

200 Jahre Völkerschlacht

vsdenkmal

Es ist vorbei ! Der Pulverdampf der Gefechts­nachstellungen ist verflogen, eine klare Sicht der Dinge wird wieder möglich.

Es war ein riesiges Volksfest, diese 200-Jahrfeier. Und es war eine Veranstaltung, die den Ereignissen vom Oktober 1813 in und um Leipzig genauso wenig gerecht wurde, wie das anläßlich der 100-Jahrfeier eingeweihte, monströse Völker­schlachtdenkmal.

Immerhin: Anders als das Völkerschlacht­denkmal, das auf neue Kriege einschwören sollte, waren die Gefechts­nachstellungen des Jahres 2013 eher der Ausdruck einer Gesellschaft, der das Gespür für das Grauen des Krieges abhanden gekommen ist. Das ist bedauerlich, als Ergebnis einer ungewöhnlich lange währenden Friedens­zeit jedoch auch irgendwie erfreulich.

Zum Verständnis der Ereignisse des frühen 19. Jahrhunderts muß man allerdings den Zoom etwas zurück­nehmen, um auch die Begleit­umstände in den Fokus zu bekommen. Dann nämlich wird z.B. sichtbar, daß die Napoleonischen Kriegszüge ihre Wendung bereits ein Jahr zuvor bei Borodino, kurz vor Moskau genommen hatten. Und erst 1815, mit der Schlacht von Waterloo, fanden die Ereignisse ihren endgültigen Abschluß.

Genau genommen begann alles im Jahre 1789 mit einer der gewaltigsten gesellschaftlichen Eruptionen der Geschichte: Es begann mit der französischen Revolution. Jahrhundertelange Fehlentwicklungen hatten dazu geführt, daß ca. 2% der Bevölkerung (Klerus und Adel) über 40% des damals noch äußerst wichtigen Produktionsmittels Boden verfügten und praktisch steuerfrei waren. Die damit verbundenen Ungerechtigkeiten führten, durch einen vorangegangenen, sehr kalten Winter begünstigt, schließlich zu diesem Ausbruch, der von Paris bis zum brennen Moskau des Jahres 1812 reichte.

Und wenn man den Artikel 1 der in dieser Zeit entstandenen „Erklärung der Menschenrechte“ liest, muß man feststellen, daß das Ende des damals begonnenen Weges noch lange nicht in Sicht ist: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es. Gesellschaftliche Unterschiede dürfen nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.“

Uns geht es im Gegensatz zu den Bauern von vor über 200 Jahren sehr gut. Doch wir beobachten die Tendenz, daß sich das für die Umsetzung kreativer Ideen notwendige Geld in immer weniger Händen konzentriert, und so gesellschaftliche Unterschiede dem allgemeinen Nutzen verstärkt schaden, statt ihm zu dienen. Und so, wie in der Vergangenheit die Religion als wichtiges Unterdrückungsmittel mißbraucht wurde, indem man die bestehenden Ungerechtigkeiten als gottgewollt darstellte, erleben wir derzeit den Versuch, eine neue, religionsartige Lehre zu etablieren: Die Lehre vom „Geistigen Eigentum“ als eine Art natürliches Recht, die besagt, daß Wissen bestimmten Menschen gehört, die dafür bezahlt haben, und die somit allen anderen Menschen die Nutzung dieses Wissens - auf welche Art auch immer - nach Gutdünken vorenthalten, oder in einer ihnen genehmen Weise gewähren können.

Wird das eines Tages die menschliche Gesellschaft wieder so stark deformieren, daß 2% der Superreichen über 40% des “Geistigen Eigentums” verfügen und dabei praktisch steuerfrei bleiben ? Werden die daraus resultierenden Verwerfungen irgendwann die Köpfe dieser Superreichen rollen lassen, damit Wissen wieder der Allgemeinheit dient ?

Wünschen sollte sich das niemand, eine neue, echte Völkerschlacht auch nicht.

S.M.

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