Gedanken aus dem Leipziger Umland

1986

waldsterbenIm Jahre 1986 war die Welt noch klar in Gut und Böse eingeteilt. Das Gute war auf der Seite, auf der man sich gerade befand, und das Böse auf der jeweils anderen.

Am 31. Januar jenen Jahres veröffentlichte die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Interview mit Erich Honecker, dessen Inhalt über Funk und Fernsehen in Auszügen auch in die DDR gelangte, und bei der dortigen Bevölkerung vor allem Verständnislosigkeit auslöste.

Es war die Zeit, in der man in West und Ost erkannt hatte, daß durch Umwelt­verschmutzungen entstandener, saurer Regen für das Absterben von Baumbeständen in den Mittelgebirgen verantwortlich war. In der DDR waren die Verschmutzungen aufgrund maroder Industrieanlagen besonders stark und für jedermann allzu deutlich wahrnehmbar, das Waldsterben ebenfalls. Das obige Foto z.B. entstand zu jener Zeit im Thüringer Wald.

Erich Honecker aber sagte, danach gefragt: „Unsere Wälder sind gesund. Auch mit dem ‘sauren Regen’ ist es bei uns nicht so. Ich hatte mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme eine lange Fahrt bis Stralsund. Das ging von Wald zu Wald, und er fragte mich: ‘Was macht bei Ihnen der saure Regen?’ Darauf sagte ich: ‘Ich bedaure, Herr Ministerpräsident, mit saurem Regen haben wir keine Erfahrung.’“

Es war ein Satz von Kanzleramtsminister Ronald Profalla zur Schnüffelaffäre des Jahres 2013, der Erinnerungen an jenes Honecker-Interview aufkommen ließ: „Die NSA und der britische Nachrichtendienst haben erklärt, dass sie sich in Deutschland an deutsches Recht halten, der BND und der Verfassungsschutz ebenfalls.“ Problem gelöst in bester Honecker-Manier durch Ignoranz.

Drei Jahre nach dem Honecker-Interview war die DDR Geschichte. Sie wurde nicht vom sauren Regen hinweggespült. Es war vielmehr die anhaltende Ignoranz insbesondere existenzieller wirtschaftlicher Pro­bleme, die zu ihrem schnellen Ende führte. Und diese Ignoranz konnte nur dank eines undemokratischen Systems bis zum Zusammenbruch aufrecht erhalten werden.

Die heutige Bundesrepublik Deutschland hat eine freiheitliche und demokratische Ordnung, in der eine Regierung nicht so viel wirtschaftlichen Schaden anrichten kann wie in der DDR.  Sollte sie sich als unfähig erweisen, wird sie normalerweise irgendwann abgewählt, bevor es zum endgültigen Zusammenbruch kommt. Voraussetzung hierfür ist aber, daß die Mehrzahl der Wähler erkannt hat, daß ihre Regierung in wichtigen Fragen falsch oder gar nicht agiert. Leider, das zeigt die Vergangenheit, muß schon ein für jeden sichtbarer, und für die meisten spürbarer Schaden entstanden sein, ehe es so weit kommt.

Wenn aber die Bespitzelung von Allem und Jedem bereits ein solches Ausmaß erreicht hat, daß die negativen Folgen tatsächlich für jeden spürbar sind, wird es wahrscheinlich zu spät sein, um die Fehlentwicklungen der Vergangenheit mit einem einfachen Regierungswechsel zu korrigieren – vorausgesetzt, daß die infolge der Bespitzelung dann bereits stark geschwächte Demokratie das überhaupt noch zuläßt.

Man sollte es deshalb besser nicht bis dahin kommen lassen. Denn die Geschichte lehrt: Der Zusammenbruch undemokratischer Systeme läßt immer zu lange auf sich warten und kommt immer für viele zu spät.

S.M.

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