Gedanken aus dem Leipziger Umland

Urteil und Vorurteil

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Menschen sind vor allem in der Gemeinschaft stark. Indem sie Dinge gemeinsam tun, kann jeder nicht nur von der eigenen, sondern auch von der Tätigkeit der anderen profitieren. Das betrifft auch das Denken. Wenn jemand einen Sachverhalt analysiert hat, und zu einem Urteil gelangt ist, kann er dieses Urteil weitergeben, so daß sich die anderen nicht noch einmal mit dem selben Thema befassen müssen. Doch dieser einzelne kann sich irren. Deshalb holt man i.allg. verschiedene Meinungen ein. Und je mehr übereinstimmende Meinungen man findet, umso mehr festigt sich das eigene Urteil, das nun in Wahrheit nur noch zu einem kleinen Teil das eigene ist. Beurteilt man eine Angelegenheit unter anderen Umständen erneut, dann setzt sich das neue Urteil zum einen aus dem vorher gewonnenen Urteil und zum anderen, meist kleineren Teil aus neuen Erkenntnissen zusammen. Das alte Urteil wird so zum Vorurteil. Obwohl der Begriff negativ besetzt ist, hilft das Vorurteil oft, eine schnelle Entscheidung zu finden, die nicht zwangsläufig falsch sein muß. Problematisch wird das Vorurteil aber in dem im allgemeinen Sprachgebrauch üblichen Sinne, wenn es veraltet und deshalb falsch ist, oder von einer schlechten Quelle stammt.

Auch in der Wissenschaft recherchiert man erst die Arbeiten anderer, ehe man selbst beginnt, an einem Thema zu forschen. Trotzdem werden Studenten, wenn sie einen guten Professor haben, dazu angehalten, den dargebotenen Lehrstoff kritisch zu hinterfragen. Denn das selbst gewonnene Urteil ist und bleibt die wertvollste Methode, um zu Erkenntnissen zu gelangen.

In unserer modernen Medienwelt passiert es leicht, daß ein aus unzureichender Recherche gewonnenes Urteil verbreitet und durch weitere, ebenfalls unzureichende Recherchen ergänzt, als „öffentliche Meinung“ zum Vorurteil für viele wird. Wenn darüber hinaus die zum Vorurteil führenden, durchaus wahren Sachverhalte ausreichend spektakulär sind, haben die sorgfältig recherchierten Meinungen kaum eine Chance.

Bei der Bundestagswahl 2013 gab es im Internet einen „Wahl-O-Mat“, mit dessen Hilfe man herausfinden konnte, welche Partei der eigenen Position wahrscheinlich am nächsten kommt. Eine Wählerin, die das ausprobiert hatte, kam völlig konsterniert zu einem Infostand der Piratenpartei: „Ich habe den Wahl-O-Mat benutzt, und bei der Auswertung stand ganz oben die Piratenpartei. Was habe ich da falsch gemacht? … “

Offenbar war das von ihr gewonnene Vorurteil „Piraten wählt man nicht.“ so stark, daß es für sie unvorstellbar war, daß ausgerechnet diese Partei am ehesten ihre Interessen vertreten könnte.

Wer also meint, er hätte die Piraten ja gewählt, wenn sie sich nicht selbst disqualifiziert hätten, wer mit der Partei, bei der er sein Protestkeuz gesetzt hat, auch nicht glücklich ist, wer vielleicht gar auf die Abgabe seiner Stimme verzichtet hat, oder wer einfach nur unzufrieden ist mit dem Ausgang der Wahl und etwas ändern möchte, ist deshalb herzlich eingeladen, sein Vorurteil durch ein eigenes Urteil zu ersetzen, indem er einen der Piratenstammtische besucht, die im Internet vom Regionalverband angekündigt werden, denn …

… in Lumpis Welt ist Raum genug für alle vernünftigen, selbständig denkenden Menschen, denen ein möglichst objektives Urteil wichtig ist.

S.M.

Was denkst du?