Gedanken aus dem Leipziger Umland

Alles fließt

fluss

Vor etwa 2500 Jahren lebte der griechische Philosoph Heraklid, dessen Lehren, obwohl im Original verschollen, bis heute überliefert sind, weil sie wieder und wieder zitiert wurden. Seine wichtigste Erkenntnis lautete: “Alles fließt.”, d.h. alles befindet sich jederzeit in stetiger Veränderung. Er ging so weit zu sagen: “Man badet nie zweimal im selben Fluß.” In der Tat: Beim nächsten Bad sind die Wassertropfen vom letzten Bade längst irgendwo anders, und die den Badenden umspülenden Wassertropfen waren zuvor an völlig anderen Orten. Somit ist der Fluß wahrhaftig ein anderer.

Nur wenn es ein Gleichgewicht gibt, von abwärts fließendem und verdunstendem Wasser, ist – aber auch nur scheinbar - Konstanz vorhanden. Tatsächlich besteht diese “Konstanz” nur durch die Beständigkeit der Änderung. Darüber hinaus gibt es langsamere, und deshalb schwerer erkennbare Veränderungen wie den Klimawandel, der das eben nur scheinbar ewige Gleichgewicht stört und in unserem noch jungen Jahrhundert bereits für zwei “Jahrhunderthochwasser” gesorgt hat.

Selbst die bereits zu Zeiten von Heraklid am Nachthimmel sichtbaren, scheinbar ewigen Sternbilder wird es irgendwann nicht mehr geben, wie Astrophysiker mittlerweile herausgefunden haben.

Auch die menschliche Gesellschaft befindet sich in stetiger Veränderung. Jeder Tag sieht eine etwas andere Welt. Das kapitalistische System sorgt, wenn ohne Zügel, z.B. dafür, daß die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Eine statistisch nachgewiesene Tatsache, die ohne Gegenmaßnahmen langfristig zu schweren Verwerfungen mit Unruhen und Gewalt führen kann wie z.B. die Oktoberrevolution 1917 in Rußland.

Wenn aber jemand, dem es gut geht, sich wünscht, daß das so bleiben möge, ist das verständlich. Nicht nachvollziehbar ist es hingegen, wenn der Zufriedene einem anderen das Versprechen abnimmt, daß alles so bleiben könne, während dieser andere deutlich sichtbare, bedrohliche Entwicklungen ausdrücklich ignoriert. Ist der Bildungsstand in diesem Lande tatsächlich so schlecht, daß eine Mehrheit 2500 Jahre alte, wiederholt bestätigte Erkenntnisse noch immer nicht verinnerlicht hat? Wollen wir wirklich, daß alles so weitergeht? Daß wir immer stärker überwacht werden, bis in die intimsten Bereiche? Daß die Schere zwischen arm und reich stetig weiter auseinandergeht, bis jeder von uns entweder in einem Armen- oder in einem Reichenghetto wohnt? Wird der tiefgründige und richtige Satz des deutschen Unternehmers Philip Rosenthal “Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein.” tatsächlich nur als Phrase verstanden? Von einem nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung offenbar schon. Denn nur so ist zu erklären, daß eine Regierungspartei meint, mit diesem Versprechen, von dem jeder gebildete Mensch wissen sollte, daß es nicht haltbar ist, auf Stimmenfang gehen zu können.

S.M.

Was denkst du?