Gedanken aus dem Leipziger Umland

Alle ziehen am selben Strang

festbaumDie verbreitete Redewendung „Am selben Strang ziehen“ soll ausdrücken, daß alle dasselbe, gemeinsame Ziel verfolgen. Oft wird sie aber so inter­pretiert, daß für dieses gemeinsame Ziel alle dasselbe tun müßten.

Jeden, der so denkt, straft das neben­stehende Foto Lügen. Es gibt in der Tat ein gemeinsames Ziel - das Aufrichten des Festbaumes - , doch statt dafür an einem einzigen Strang zu ziehen, zieht man an verschiedenen Strängen, die an den Enden zusammenlaufen. Und während ein Teil der Männer zieht, drücken andere, wieder andere schauen nur zu.

Es handelt sich um ein altes Volksfest. Die Akteure wissen genau, was sie zu tun haben, denn sie haben es von ihren Vätern gelernt. Die ersten Versuche dürften nicht so reibungslos verlaufen sein, weil es keineswegs einfach ist, einen so großen Baum in einer so engen Umgebung aufzustellen, ohne Schaden anzurichten oder gar Verletzte zu riskieren. Irgendwann hatten sie den Bogen ‘raus, und seither läuft es Jahr für Jahr zum Vergnügen aller ohne Schwierigkeiten. Solange man aber noch nicht weiß, wie das gemeinsame Ziel zu bewältigen ist, geht es eventuell d’runter und d’rüber.

Und nicht immer sind die Ziele so klar umrissen. Viele Menschen beunruhigt z.B., daß sie in den vergangenen Jahrzehnten einen schleichenden Abbau unserer Demokratie beobachten mußten. Gab es ursprünglich Abgeordnete, die die Interessen einer Region oder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe vertraten, so gibt es heute den Berufspolitiker, der vorrangig sich selbst vertritt und all seine Kraft ausschließlich der eigenen Wiederwahl widmet. Das System hat sich parteiübergreifend etabliert, so daß der Wähler in Wahrheit kaum noch eine Wahl hat. Statt des Wählers beeinflußt zunehmend der Lobbyist die Geschicke der Bevölkerung.

Eine nicht unbedeutende Anzahl Menschen beginnt sich deshalb zu organisieren, um ein verbessertes, basisdemokratisches System zu schaffen, welches wieder mehr Macht in die Hände des Volkes legt. Daß man bei einer solch schwierigen Angelegenheit natürlich nicht von vornherein weiß, wer wo wie und wohin zu ziehen oder zu drücken hat, sollte verständlich sein.

Die Piratenpartei versucht, jedem eine Stimme zu geben. Daß dabei auch skurrile Vorschläge zur Sprache kommen, die anderswo samt der guten Ideen von denen, die das Sagen haben, unterdrückt würden, muß zwangsläufig in Kauf genommen werden. Die einzige Alternative hieße, so zu agieren, wie alle anderen auch. Dazu aber bedarf es keiner neuen Partei.

Wer diese Bemühungen nur albern findet, sollte sich einmal die folgende Szene vorstellen: Ein Titanic-Passagier sitzt lachend und schenkelklopfend vor dem Bordfernseher im Zwischendeck, weil er dort sieht, wie die Mannschaft verzweifelt, und vielleicht etwas hilflos versucht, die Lecks zu reparieren …

Noch ist nicht entschieden, ob das Schiff „Demokratie“, auf dem wir noch ganz passabel reisen, in den Tiefen der Weltgeschichte versinken wird. Die Eisberge jedenfalls zeigen sich immer deutlicher, und zwar dem, der zu sehen gewillt ist.

S.M.

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