Gedanken aus dem Leipziger Umland

„Führer befiehl …“

krieg

Der Begriff „Führer“ ist in der deutschen Sprache verbrannt – aus wohlbekannten Gründen. Trotzdem ist seine Bedeutung noch immer allgegenwärtig, wenn auch in abgeschwächter Form. „Führungsstärke“ ist eine positiv bewertete Charaktereigenschaft und man wünscht sich starke „Führungspersönlichkeiten“, die klar und unmißverständlich sagen, wo es langzugehen hat, denen man einfach vertraut, statt selbst nachzudenken. Der Spitzenkandidat einer zweifellos demokratischen Partei verlangte im Wahlkampf 2013 ausdrücklich ausreichend „Beinfreiheit“, um seine Position gegen Kritiker in den eigenen Reihen durchsetzen zu können.

Solange die Führungspersönlichkeit die für die Allgemeinheit richtigen Entscheidungen trifft, ist das ein sehr effizientes System, weil so diese richtigen Entscheidungen zügig umgesetzt werden können. Die Sache hat jedoch einen entscheidenden Haken: Das System bleibt selbst dann effizient, wenn die Führungspersönlichkeit die für die Allgemeinheit denkbar schädlichsten Entscheidungen trifft.

In einem demokratischen System werden Führungskräfte für einen begrenzten Zeitraum gewählt. Im Parlament müssen sich Vertreter verschiedener Parteien in Koalitionen über Beschlüsse einigen. Das ist oft wenig effizient, vermeidet jedoch krasse Fehlentwicklungen.

Es vermeidet aber nicht automatisch schleichende Fehlentwicklungen wie das Entstehen einer Kaste von Berufspolitikern, verbunden mit einem zunehmenden Einfluß von Lobbyisten auf diese Kaste, die sich immer weiter von ihren Wählern entfernt. „Es ist ja völlig egal, wen man wählt.“ lautet für viele Bürger deshalb die fatale Schlußfolgerung.

Man darf diesen Berufspolitikern nicht grundsätzlich schlechten Willen unterstellen, denn das ist keineswegs der Grund für ihr zuweilen unverständliches Tun: Sie leben vielmehr in einer anderen Welt, die nicht mehr die des Durchschnittsbürgers ist. In dieser Welt spricht man eine andere Sprache, so daß die Verständigung mit dem Wahlvolk zunehmend schwieriger wird.

Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, versucht die Piratenpartei u.a. mit Hilfe des Internets die bestehende Demokratie auf eine neue Ebene zu heben. Vielleicht könnte man das „Demokratie 2.0“ nennen. Mit Hilfe von Software wie dem „Liquid Feedback“ soll die Parteispitze vor dem Verlust des Basiskontakts bewahrt werden. Statt einmaliger, vielleicht in einer emotionalen Situation angenommener, mehr oder weniger unglücklicher Parteitagsbeschlüsse, sollen laufend die Standpunkte aller aktiven Mitglieder gebündelt werden, so daß jederzeit die bestmöglichen Entscheidungen gefällt werden können.

Zu behaupten, daß diese Versuche noch in den Kinderschuhen steckten, wäre indessen geprahlt: Sie stecken noch in den Windeln. Sie wegen ihrer daraus resultierenden Unzulänglichkeiten zu beenden, statt an Verbesserungen zu arbeiten, hieße aber, der schleichenden Erosion unser Demokratie tatenlos zuzuschauen.

S.M.

(Das Foto stammt aus dem 1.Weltkrieg.)

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