Gedanken aus dem Leipziger Umland

Krieg und Frieden

zinnsoldatKrieg und Frieden. Das ist nicht nur eine Gegenüberstellung unverträglicher Begriffe. Das ist auch der Titel eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur.  Wer sich auf die Lektüre der weit über 1000 Seiten einläßt, hat die Chance, danach sehr viel besser das Wesen des Krieges, die Mechanismen seiner Entstehung, aber auch die Funktionsmechanismen der nicht nur von Kriegen geprägten Geschichte der Menschheit als Ganzes zu verstehen. Er vermag evtl. sogar, von den meisten Menschen ignorierte Kleinigkeiten des heutigen Alltags als mögliche Anfänge einer neuerlichen Katastrophe zu erkennen.
Wir befinden uns im napoleonischen Zeitalter. „Am 12. Juni (1812) überschritten die westeuropäischen Streitkräfte die russischen Grenzen, und der Krieg begann, das heißt, es begann ein Geschehnis, das aller menschlichen Vernunft und aller Menschennatur ins Gesicht schlägt. Millionen von Menschen verübten gegeneinander eine so unzählige Menge von Übeltaten, Betrug, Verrat, Diebstahl, …, Raub, Brandstiftung und Mord, wie sie sonst die Annalen aller Gerichte der Welt in Jahrhunderten nicht zu verzeichnen haben, und dabei sahen jetzt die Leute, welche diese Verbrechen begingen, gar nichts Verbrecherisches in ihnen.“
Leo Tolstoi, der diese Zeilen schrieb, liefert uns sogar die Erklärung für das eigentlich Unfaßbare: „Uns Nachgeborenen, die wir keine Historiker sind und deren gesunder Menschenverstand sich bei der Betrachtung dieses Geschehnis von keiner Forscherbegeisterung umnebeln läßt, stellt sich für dieses Geschehnis eine unübersehbare Menge von Ursachen dar. Je tiefer wir uns in das Studium  dieser Ursachen versenken, umso größer wird ihre Zahl, und jede einzelne Ursache für sich genommen, ebenso aber auch jede beliebig große Anzahl von Ursachen empfinden wir als an und für sich betrachtet gleich richtig und zugleich als gleich unrichtig, sobald wir ihre Bedeutungslosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeit des Geschehens auf uns wirken lassen, und als gleich unrichtig, wenn wir uns klarmachen, daß sie allein, ohne die Mitwirkung aller anderen Ursachen, nie imstande gewesen wäre, die stattgehabten Geschehnisse herbeizuführen.“
Man muß diese Worte mehrfach in größeren Abständen lesen und durchdenken, um ihre Tragweite zu begreifen. Danach aber kann man sie auch auf neuere, noch nicht verarbeitete geschichtliche Ereignisse übertragen, wie etwa auf die Zerstörung von Dresden im 2. Weltkrieg.
Dann begreift man, daß es an Kriegsereignissen wie der Bombardierung Dresdens weder etwas richtiges noch etwas falsches geben kann, weil Begriffe wie „richtig“, „falsch“, „gut“ und „böse“ im Krieg ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Auch bei der Frage nach dem Warum greift jede Antwort zu kurz. Dresden wurde nicht allein deshalb zerstört, weil ein Kommandant eine dafür ausgerüstete Fliegerstaffel befehligte. Und das Kriegsende wurde keineswegs dadurch herbeigeführt, daß tausende unschuldiger Dresdner und Flüchtlinge in den Flammen des Feuersturms den Tod fanden. Auch die zweifellos richtige Aussage, es wären die vorausgegangen Gräueltaten der deutschen Armee gewesen, greift zu kurz. Und wer meint, es bedurfte vor allem dieses Österreichers mit seiner kruden Gedankenwelt vergißt, daß kein Mensch imstande ist, solch ein gigantisches Feuer zu entfachen, wenn der Brandbeschleuniger nicht bereits allgegenwärtig ist. Es war u.a. die wirtschaftliche Not breiter Bevölkerungsschichten, die auch die Weimarer Republik scheitern ließ, und die wirtschaftliche Not war neben der Weltwirtschaftskrise u.a. auf die hohen Reparationsforderungen nach dem 1. Welkrieg zurückzuführen, was den Haß auf die Siegermächte beförderte,  und der 1. Weltkrieg wiederum auf alles mögliche, auf lange schwelende Verteilungskämpfe zwischen den europäischen Adelsgeschlechtern, auf völlig irrationalen Patriotismus, usw. usf. …

Wir müssen das verinnerlichen, um die wesentlichen Probleme von heute zu erkennen. Und wir sind gut beraten, das alles sehr genau zu durchdenken, ehe wir uns lauthals äußern. Dann aber umso vehementer.

S.M.